Ein Brief von Minguyr Rinpoche, datiert vom 2. Januar 2014

Wir erhielten den folgenden Brief und die Bilder von Lama Tashi, einem engen Freund und Mitarbeiter von Mingyur Rinpoche. Als sie letztes Jahr aufeinander trafen, hatte Rinpoche gerade ein striktes Retreat im Yolmo verlassen, einer geheiligten Retreatregion tief im Himalaya, und war auf dem Weg ins Dolpo, eine andere heilige Region nahe der Grenzen zu Nepal und Tibet. Mingyur Rinpoche besorgte Vorräte, als Lama Tashi ihn erkannte. Rinpoche war in einem sehr heruntergekommenen Hotel untergekommen und hatte nur sehr wenig Nahrungsmittel und Kleidung bei sich. Bei dem Schlafsack und der Jacke, die auf den Bildern zu sehen sind, handelt es sich um Geschenke von Lama Tashi. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen wir nicht, wo Rinpoche sich aufhält oder wann er das Retreat verlassen wird, aber dem Brief nach zu urteilen ist er gesund und genießt sein Leben als Wanderyogi aus vollen Zügen.
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An meine liebe Mutter, Verwandten, die monastische Gemeinschaft, meine Schüler und an alle, mit denen ich eine Verbindung habe,
durch den Segen der Meister bin ich bei guter Gesundheit und erfahre keine Hindernisse. Gegenwärtig ziehe ich ohne festen Wohnsitz von Ort zu Ort. Im Moment befinde ich mich in Gesellschaft von Lama Tashi, dem ich unerwartet begegnet bin. Lama Tashi bat mich inständig, mich begleiten zu dürfen, und ich habe es gestattet. Von ihm habe ich Nahrung, Kleider und andere Notwendigkeiten erhalten. Er überbrachte mir sowohl gute als auch schlechte Nachrichten, was in mir eine Mischung aus Freude und Traurigkeit hinterließ. In letzter Zeit hat Lama Tashi fleißig und ausdauernd die vorbereitenden Übungen (Ngöndro) sowie die Hauptpraxis Mahamudra und Dzogchen praktiziert.
Ich selbst bin ohne festen Ort auf Wanderschaft, bleibe in abgelegenen Einsiedeleien und derlei Orten. Ich habe Gefühle von Glück und Leid erfahren, ansteigend und abfallend wie Wellen auf der Oberfläche eines Ozeans. Zu manchen Zeiten war es schwierig, Nahrungsmittel oder Kleidung zu beschaffen, und ich fror, war hungrig und durstig. Selbst wenn ich um Almosen bat, erhielt ich nichts als Beschimpfungen und harte Worte. Zu anderen Zeiten erhielt ich Nahrung und Kleidung ganz mühelos, sogar ohne darum zu bitten, und für meinen Geist fühlte es sich an, als genösse ich die Freuden der Götter.
So machte ich die Erfahrung von sowohl Freude als auch Leid. Das Wichtigste jedoch ist die von Herzen kommende Gewissheit aus der Tiefe meines Seins – die Sicherheit zu wissen, dass, egal was auch passiert, die wahre Natur dieser Erfahrungen, ihr innerstes Wesen, zeitloses Gewahrsein und großes Mitgefühl ist.
Diese natürliche Klarheit des Gewahrseins ist seit Anbeginn in uns. Es ist die reine Essenz und die wahre Natur unseres Geistes. Ob Tag oder Nacht, sie ist immer da. Daher sollte jeder diesen Strom des reinen Gewahrseins aufrechterhalten so gut er kann, ohne zu meditieren, aber auch nicht sich in Ablenkungen verlierend. Auch große Liebe und Mitgefühl sind ursprünglicher Teil unseres Wesens. All die Gedanken, zerstörerischen Emotionen und das Leid, dem wir begegnen, sind in ihrer Essenz vollständig durchdrungen von enormem Mitgefühl. Als natürlicher Ausdruck davon wünschen wir uns, Glück zu erfahren und frei von Leid zu sein. Obwohl alle Wesen großes Mitgefühl und große Weisheit besitzen, ist dies nicht immer offensichtlich. Der Grund liegt darin, dass sie nicht erkannt haben, was sie bereits besitzen. Und so gibt es, abgesehen von der Erkenntnis unserer eigenen wahren Natur, nicht das Geringste, um darüber zu meditieren. Im Wissen um die Bedeutung dieser Erkenntnis verbrachte ich meine Tage, fühlte mich glücklich und zufrieden, während ich über Berge und durch Täler wanderte, mal hier und mal dort blieb. Ich möchte euch alle aus ganzem Herzen dazu ermutigen, ebenfalls ausdauernd auf diese Weise zu praktizieren.
Lama Tashi ist nun mit diesem Brief und einigen Bildern aus dem Retreat, um die er mich bat, in die Stadt zurückgekehrt. Ich hoffe, sie gefallen euch. Ich bete, dass wir uns in Kürze wiedersehen, dass wir glücklich und voll Freude zusammenkommen, um den Reichtum des Dharma zu genießen.
Mingyur Tulku
2. Januar 2014